TiV-Logo-Landscape_white

Mai 2026

„Die lustigen Nibelungen“

Burleske Operette von Oscar Straus

34. Ausgabe der Konzertreihe „Musik-Salon am Sonntag

v.l.: T. Layes, L. Ströckens, E. Wiles, R. Peter / © Clarissa Dahmen

Ein wahres Klang-Feuerwerk entzündet die 34. Ausgabe der Reihe „Musik-Salon am Sonntag“ mit Os­car Straus‘ musikalischer Satire „Die lustigen Nibelungen“. Am Klavier befeuert von Thomas Layes, machen die hinreißenden Sopranistinnen Elizabeth Wiles und Lisa Strö­ckens sowie Tenor Ralf Peter, der diese Pocket-Version auch entworfen hat, ein ganzes Dutzend skurriler Figuren lebendig. Denn gehörig (ungehörig) nimmt die burleske Operette von 1904 den zeitgenössischen Germanen-Hype auf die Schippe, der im wilhelminischen Kaiser­reich zur natio­nalen Identitätsfindung missbraucht wurde – und schnurstracks in die gro­ßen Katastrophen des 20. Jahrhunderts führte. Angesichts weltweit grassieren­der extremer Strömungen ist die Wiederaufführung dieses gnadenlos-komischen Ge­sellschaftsspiegels eine noble Not­wendigkeit.

Kaum ein Komponist des 20. Jahrhunderts wurde zu beiden Seiten des Atlantiks so gefeiert, und später so vergessen, wie Oscar Straus (1870–1954). Der in Wien geborene „Weltbür­ger der Musik“ (so der Musikologe Franz Mailer) studierte bei Max Bruch, dem „konser­vativsten aller konservativen Musiker“, woraufhin Jo­hann Strauß ihm geraten ha­ben soll, „die faden Symphonien“ zu lassen und „fesche Walzer“ zu schreiben. Prompt bewarb er sich 1901 nach Berlin zum ersten deutschen Kabarett Überbrettl, feierte frühe Operettenerfol­ge, wechselte in den 1920er-Jahren nach Paris, wo ihm das Publikum zu Füßen lag, und ging 1930 nach Hol­lywood und an den Broadway. Dabei trug sein Leben auch tragische Züge: Der Vater starb, als er fünf war, als Jude emi­grierte er 1940 in die USA, während sein Sohn Leo in Auschwitz starb. Ob­wohl Straus als Erbe von Jacques Of­fenbach gilt und seine Melodien wie etwa der Walzer aus Max Ophüls‘ „Reigen“ um die Welt gingen, ist sein von den Nazis verbotenes Werk heute immer noch kaum be­kannt.

Die am Wiener Carls-Theater uraufgeführte burleske Operette „Die lustigen Nibelungen“ nach dem Libretto des scharfzüngigen Rideamus (Fritz Oliven) war Straus‘ erster großer Erfolg, mit dem er neue Bahnen auf altem Bühnen-Terrain ebnete. Angesiedelt zwischen Farce und Kabarett wird hier auf gera­dezu schamlose Weise das Maß aller „urdeutschen“ Dinge aufs Korn genommen. Ein großspuri­ges Ger­manentum, welches im jungen Kaiserreich hyperinflationär zur nationa­len Identitätsfindung gebraucht wurde, wird im Spiegel des wilhel­minischen Spießbürgertums vorgeführt, durchsetzt mit Wagner­schem Klang- und Figuren-Pathos. „So war’s bei den Germanen seit Alters Brauch! / So taten’s unsre Ahnen, und wir tun’s auch!“, heißt es gleich in Sieg­frieds Auftrittslied. Die Handlung ist an das Nibelungen­lied und an Wagners „Götterdämmerung“ angelehnt und schnell erzählt: Drachentöter Siegfried kommt wie gerufen an den Wormser Nibelungen-Hof zum schwächlichen König Gunther, hilft ihm beim (getricksten) Kampf, die streitbare Königin Brünnhilde zur Frau zu gewinnen, und bekommt dafür dessen Schwester Kriem­hild. Als der Schwindel auf­fliegt, soll ihn Onkel Hagen gesichtswahrend er­morden. Doch wegen seines Bads im Drachenblut ist er nur an ei­nem einzigen Kör­perteil verwundbar: „Von vorne, von vorne da ist er ganz von Horne / Von hinten, von hinten kann man ihn überwinden!“) – und so einigt man sich auf einen ungewöhnlichen Kompro­miss.

Mit viel Humor entlarven Straus/Rideamus, wie im spießigen wilhelminischen Kaiserreich ein Pseudo-Germanentum zur nationalen Identitätsfindung missbraucht wurde. Der (aktuell erneut) aufkeimende völkisch-aggressive Nationalismus benutzte „die Germanen“ als quasi naturgesetzliche Begründung für eine homogene deut­sche Identi­tät. Deutsche und Germanen gleichsetzend wurde behauptet, dass seit uralten Zeiten ein einheitliches Volk mit gemeinsamer Kultur und Geschichte existiere. Dabei war die Bezeichnung „Germanen“ eine von Caesar und Tacitus aus politi­schen Gründen in die Welt gesetzte Fremdzu­schreibung und meint in Wahrheit unterschiedlichste Völkergruppen ohne gemeinsame Sit­ten, Religion oder Architektur. Aufgebläht mit dieser historisch falschen Herleitung rannte das Reich des letzten deutschen Kaisers säbelrasselnd in den Ersten und Deutschland bald dar­auf in NS-Staat und Zwei­ten Welt­krieg. – Wie gut aber Straus/Rideamus mit ihrer Nibelungen-Parodie die Sache auf den Punkt gebracht hatten, zeigte sich bereits kurz nach der Uraufführung, als deutschnationale Burschenschafter in Graz das Stück laut­stark verhinderten.

Pünktlich zur parallel laufenden Staatstheater-„Götterdämmerung“ platziert, trägt die neue Saarbrücker Kammerversion der „lustigen Nibelungen“ mit Stolz das Prädikat „Freie Sze­ne“ und wartet mit entsprechender Experimentierfreude auf. Bierernstes Stummfilm-Pathos aus Fritz Langs „Die Nibelungen“ (D 1924) kontrastiert die exakt 20 Jahre ältere Straus’sche Figuren-Komik. Im kleinen TiV-Rahmen lässt sich so auch die groß besetzte Operette mit nur drei (einst allesamt auch am Saarbrücker Staatstheater engagierten) Gesangssolistinnen und -solisten realisieren. Sie übernehmen locker ein Dutzend Partien, den kompletten Orchesterpart bewältigt der Pianist aus einem quicklebendigen Klavierauszug. Zum besseren Handlungsverständnis kommen noch Textein­spieler zum Einsatz, die auch das mittelalterliche Nibelungenlied aufscheinen lassen.

Nicht unerwähnt bleiben sollte eine kuriose Verbindung „der (lustigen) Nibelungen“ zum Land an der Saar. Das große Saar­brücker Rathausfestsaal-Wandgemälde von 1903 (ein Jahr vor Straus‘ „Nibe­lungen“) zeigt den Heiligen Arnulf von Metz, wie er die erste Kapelle in St. Johann weiht. Dieser mutmaßliche Sohn des Eremi­ten und Namensgebers von Sankt Arnual war nicht nur Auslöser eines erfolgreichen Bierwunders und Stammvater der Karolinger, deren Spross der ers­te römisch-deutsche Kaiser Karl der Große war, er war auch Ahnherr der nach ihm benannten Arnulfinger, von de­nen ein Famili­enzweig „Nibelun­gen“ genannt wurde. Sie errangen Macht durch das Bünd­nis Ar­nulfs mit Pippin d. Ä. bei einer Adelsverschwö­rung ge­gen Brunichild (oder Brunehil­de; 545–613). Jene tragische Fran­kenkönigin westgoti­scher Her­kunft gilt als Vorbild für die Brünnhil­de im Nibelungenlied und in Wag­ners „Götterdämme­rung“ – und eben auch in Os­car Straus‘ „lus­tigen Ni­belungen“…

Die lustigen Nibelungen, Burleske Operette in drei Akten, Buch von Rideamus, Musik von Oscar Straus

Aufführungsrechte bei Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin

Der „Musik-Salon“ wird unterstützt von der Landeshauptstadt Saarbrücken.

MITWIRKENDE
Lisa Ströckens (Sopran), Elizabeth Wiles (Sopran), Ralf Peter (Tenor), Thomas Layes (Piano) 

Sonntag 24. Mai 17:00 Uhr

KARTEN
Normalpreis: 15,– Euro
Ermäßigt: 10,– Euro*
Kinder bis 12 Jahre: 6,50 Euro

Inhaber der SozialCard zahlen nur die Hälfte vom Normalpreis, wenn noch Plätze frei sind.

*Berechtigte siehe „Karten” im Hauptmenü

Reservierung

Das TiV wird unterstützt von:

© 2025 Theater im Viertel